Wer war Johann Friedrich Oberlin?

Portrait Friedrich Oberlin
Friedrich Oberlin

59 Jahre war Johann Friedrich Oberlin Pfarrer in der armen Gemeinde Waldersbach im Steintal, 40 km südwestlich von Straßburg. Fünf Dörfer und drei Weiler gehörten zu der evangelischen Gemeinde, in der meist französisch gesprochen wurde. In den 59 Jahren seines Wirkens hat er das Steintal maßgeblich verändert und die Kultur der Gemeinde geprägt.  

 

Die Leute erlebten ihren Pfarrer nicht nur sonntags auf der Kanzel. Bald sahen sie ihn mit Hacke und Schaufel in dem unwegsamen Tal Wege anlegen. Ein Tagelöhner half ihm. Als er begann Brücken über die Bachläufe zu bauen, sahen die Leute mit kritischen Augen zu. All das war nicht gerade typisch für einen Pfarrer. Aber im Laufe der Zeit gewann er immer mehr Mitglieder seiner Gemeinde zur Mitarbeit.  

 

Von seinen Hausbesuchen notierte er: “Die kleinen dasigen Kinder kamen um mich herum zu stürmen. Ich konnte mich der Tränen nicht enthalten, da ich einerseits die zarte Jugend und andererseits die üble Auferziehung, die sie hatten, betrachtet, an einem Orte, wo fluchen, schelten, schwören, schlagen, raufen häufiger als Brot sind.” Der 30 jährige Krieg hatte das Land und die Sitten in einem üblen Zustand hinterlassen.  

Die Menschen hörten in der Predigt von Oberlin nicht nur Worte des Bedauerns. Er nannte die Faulheit eine schlimme Sünde gegenüber dem Schöpfer. Das brachte ihm zunächst wenig Sympathien ein. Doch spürten sie je länger desto deutlicher seine Absicht, die er verfolgte. Er formulierte sie in seinem Tagebuch mit den Worten: “Suche vor allen Dingen die Liebe und das Zutrauen desjenigen zu erwerben, den du bessern willst.” Was war das Geheimnis dieses begabten Volkserziehers? Sein Wirken beruhte auf 2 Fundamenten: auf seinem Gebet und auf seinem Tun. Widerstände und Enttäuschungen trieben ihn ins Gebet und beim Beten empfing er die Kräfte zu unverdrossenem Handeln.  

Portrait Friedrich Oberlin

Seine Frömmigkeit war von Kind auf geprägt von der Freude an der Schöpfung und von persönlicher Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer. Wahrend des Studiums in Straßburg hatte er sich für alle Fächer interessiert: für Naturwissenschaften, für Geschichte, für Philosophie, für Medizin – die Wissensgebiete waren damals noch weniger spezialisiert – das Ziel war für ihn die Theologie. Doktorgrade erwarb er in Philosophie und in Theologie, ohne die Titel je zu führen. Entscheidend war seine Gabe, die gründlich erworbenen Kenntnisse in praktische Maßnahmen umzusetzen.  

 

Den Steintalern wurde in der Predigt die Aufgabe vor Augen gestellt, die uns anvertraute Schöpfung zu gestalten. Wie das geschehen konnte, demonstrierte Oberlin auf den Feldern, auf denen hinderliche Felsen gesprengt und Schutzmauern errichtet wurden. Für die Wiesen beschaffte er geeignete Grassamen, der höhere Erträge erbrachte. Im Pfarrgarten entstand eine Pflanzschule mit Obstbäumen. Bei Taufen und Konfirmationen wurde es Sitte einen Obstbaum zu pflanzen, bei Hochzeiten waren es zwei. So war man im Winter nicht nur auf die Beeren und wilden Früchte des Waldes angewiesen.

 

Für die Kinder von 3-7 Jahren fand sich eine Frau, die sie in einer Stube sammelte und ihnen das Stricken beibrachte. Diese “Strickschule” entwickelte sich zu einer regelmäßigen Betreuung und Anleitung der Kleinkinder. Oberlin dachte sich einen Plan aus, nach dem den Kindern biblische Geschichten erzählt, Pflanzen- und Tierkunde betrieben wurde und erste Kenntnisse der Erdkunde vermittelt wurden. Das Schulwesen war unterentwickelt. Viehhirten sammelten im Winter die ältere Jugend und führten sie in die bäuerlichen Arbeiten ein. Oberlin befähigte Männer aus der Gemeinde, die nach einem von ihm gefertigter Unterrichtsplan die Jugend unterweisen konnten. Ein Schulhaus in Waldersbach wurde mit Hilfe von fremden Spenden gebaut. Später folgten Schulhäuser für die anderen Dörfer.  

 

1768 gewann Oberlin Salome geb. Witter zur Frau. Sie ist in der Literatur als “Mutter des Steintales” eingegangen. Verwaiste und vereinsamte Kinder wurden als Pensionäre in das Pfarrhaus aufgenommen. Um die Heimarbeit anzuregen, stellte Frau Oberlin einen Webstuhl ins Pfarrhaus. Nach der Geburt des 9. Kindes ist sie gestorben. Oberlin hat ihren Tod nur schwer verschmerzt. Er konnte sich nicht entschließen noch einmal zu heiraten.  

 

Mit der Zeit fanden sich begabte Mitarbeiterinnen. Louise Scheppler wurde mit 15 Jahren in das Pfarrhaus aufgenommen. Sie wurde zur treuen Helferin in der Gemeinde, bewies großes Geschick beim Umgang mit Kindern und ist an der Entwicklung der Kinderschule wesentlich beteiligt. Sie blieb lebenslang in der Familie Oberlin und hat Oberlin um 11 Jahre überlebt. Das Modell der Kleinkinderschule wurde in Frankreich, England und Deutschland übernommen. Mit Pestalozzi stand Oberlin in brieflicher Verbindung und hat sich mit ihm über die Entwicklung der Kindererziehung ausgetauscht. Fliedner und Fröbel haben in Deutschland die Einrichtung weiterentwickelt.  

 

Portrait Friedrich Oberlin

1773 wurde im Steintal die Baumwollspinnerei als Heimarbeit eingeführt. Andere Beispiele der originellen und vorausschauenden Planung waren: Die Gründung eines landwirtschaftlichen Vereins (1778), die Gründung einer Leih- und Kreditanstalt (1785), die Schülermitverwaltung in der Schule und die Fortbildung der Lehrkräfte. 1791 stellte Oberlin bei einer Versammlung des landwirtschaftlichen Vereins unerwartet die Frage, warum Frauen nicht an den Sitzungen beteiligt seien. Sie hätten doch die Erziehung in den ersten Jahren der Kinder in der Hand. Sie müssten doch dafür geschult werden und auch in den Fragen der öffentlichen Verantwortung Bescheid wissen. Sein praktischer Vorschlag folgte bald darauf: Geeignete Frauen sollen für 2 Jahre gewählt und mit dem Diakonenamt betraut werden. Sie waren dann seelsorgerisch und beratend in den Familien tätig. Das waren die ersten Anfänge für einen Frauenberuf. Daraus erwuchs der Beruf der Diakonissen.  

 

Die Ereignisse der Französischen Revolution gingen am Steintal nicht spurlos vorüber. Mit einem katholischen Kollegen teilte Oberlin die Kritik an der kaum eingeschränkten Herrschaft des französischen Königs und des Adels.  

 

Begrüßt hat er deshalb 1789 die Ausrufung der allgemeinen Menschenrechte und der Freiheit für alle Bürger. Zunächst sah er diese Vorgänge als Signal des kommenden Gottesreiches. Als dann aber aus den Kirchen “Tempel der Vernunft” wurden und den Pfarrern alle Amtshandlungen verboten wurden, wurde seine Haltung kritischer. In seinem Aufbauwerk ließ er sich indessen nicht stören. Als Bürger Oberlin versammelte er die Gemeinde außerhalb der Kirche und redete mit ihnen weiterhin auf biblischer Grundlage. 1794 wurde er verhaftet und nach Schlettstadt beordert. Die 5 Bürgermeister des Steintales erreichten schließlich seine Freilassung. Nach der Hinrichtung Robespierres 1795 durften dann wieder Gottesdienste gehalten werden.  

 

Portrait Friedrich Oberlin

Im Steintal zeigte sich um 1800, dass die Heimarbeit und die karge Landwirtschaft die Bevölkerung nicht ausreichend ernähren konnten. Das aufkommende Maschinenzeitalter kündigte sich an. Da war es für das Steintal ein Glücksfall, dass Oberlin den Fabrikanten Legrand gewinnen konnte, seinen anderwärts bestehenden Betrieb im Steintal anzusiedeln. Der Fabrikant zog selber ins Steintal, hatte viel Verständnis für Oberlins Aufbauarbeit und richtete die Arbeit so ein, dass die Verarbeitung seiner Seidenindustrie von den Leuten weiterhin als Heimarbeit wahrgenommen werden konnte.  

 

Wie konnte Oberlin diese Veränderungen im Steintal erreichen? Er klagte manchmal über sein schlechtes Gedächtnis. Die Ausarbeitung seiner Predigten habe ihm oft große Mühe gemacht. Umso mehr ist sein nie erlahmender Fleiß und seine Geduld zu bewundern.  

 

Öffentliche Anerkennung erfuhr er vom französischen Staat im Jahr 1818, als er die goldene Medaille der Königlichen Landwirtschaftsgesellschaft erhielt. 1819 wurde er zum Ritter des königlichen Ordens der Ehrenlegion ernannt. Sein Werk wurde an vielen Orten aufgenommen, vor allem an den Ausbildungsstätten für Kindergärtnerinnen. In Ohio/USA gründeten Auswanderer die Stadt “Oberlin” mit einer Universität, die den Namen “Oberlin College” trägt. In Deutschland ist als bedeutendste Einrichtung das Oberlinhaus in Potsdam-Babelsberg zu nennen.   

 

Der Name Oberlin bleibt uns ständiger Anreiz, die pädagogischen Erfahrungen und Erkenntnisse weiter zu entwickeln und in die Tat umzusetzen.  

 

Erhard John    (langjähriger Vereinsvorstand)